Nicolas Lindt

Schriftsteller & Ritualgestalter

«Ich schreibe Bücher, erzähle Geschichten und gestalte Rituale im Namen der Liebe.»

Wald, 17. August 2022   |   Die Luftpost Gedankengänge
Wald, 17.08.2022   |   Die Luftpost Gedankengänge

Gedankengänge

Von der Spaltung zur Trennung

TTV-Gastkommentar 27.6.22

Auf meinem Handy sind sie noch immer drauf: Die Apps von 20 Minuten, Basler Zeitung und Blick. Aber ich könnte sie eigentlich löschen. Denn inzwischen sind es zwei Monate her, seit ich sie das letztemal angeschaut habe. Ich konsumiere die Mainstreammedien so gut wie nicht mehr. Vorher las ich sie jeden Tag. Während der letzten zwei Jahre mit Widerwillen. Ich klickte dennoch darauf – aus schlechter Gewohnheit und weil ich dachte, ich muss doch die Meinung des Gegners kennen. Die Meinung derer, die nur mit dem Kopf, aber nicht mit dem Herzen denken.

Doch mein Widerwille wuchs. Er wurde aufs neue genährt durch die Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt. Dieses heuchlerische Gutmenschentum, diese alles vergiftende Hetze: Mir wurde klar: Ich will mir das nicht mehr antun. Es tut mir nicht gut. Und ich muss es auch gar nicht mehr lesen. Denn die alternativen Medien - Weltwoche daily, Transition TV, Transition News, Zeitpunkt, Die Ostschweiz – informieren mich bestens. Sie halten mich auf dem Laufenden. Und wenn sie es einmal nicht tun, erfahre ich das für mich Wichtige via Facebook. Oder auf Telegram.

Seither geht es mir besser. Ich fühle mich wie befreit. Befreit von diesem apokalyptischen, drohenden Unterton, der die Medien durchzieht wie ein ätzender, übler Geruch. In den alternativen Medien kann ich frei atmen. Mit den Menschen dort verbinden mich positive Empfindungen. Ich spüre, sie denken mit dem Kopf - das tun wir alle -, aber es kommt von Herzen. Es fühlt sich warm an. Sie sind Gleichgesinnte. Und ich bin ihnen dankbar, dass sie die Medienwelt der anderen Seite für uns durchforschen. Dass sie unerschrocken hinuntersteigen in die Kälte des Höllenfeuers. Ihr einziger Schutzanzug ist ihre Gewissheit, einzustehen für die Freiheit des Menschen.

Natürlich gibt es auch in den grossen Medien nach wie vor interessante Berichte und Reportagen, die eigentlich lesenswert wären. Doch sie stehen im Schatten des politischen Teils, und der politische Teil beschmutzt und vergiftet die ganze Zeitung, das ganze Programm.

Hin und wieder geschieht es, dass ich mich in die Spalten des Mainstreams verirre. Zum Beispiel, wenn am Mittwoch jeweils die Zeitung gratis ins Haus kommt. Dann greife ich fast automatisch nach ihr - wie in den alten Zeiten - und durchblättere sie. Ich tue es aus unverwüstlicher Neugier, vor allem jedoch in der leisen Hoffnung, mein Vorurteil nicht bestätigt zu finden. Ich wünsche mir, nicht enttäuscht zu werden. Doch ich werde enttäuscht. Mehr als nur das. Ich lese die Überschriften, die ersten Zeilen, und ich erschrecke. Das ist nicht meine Welt. Ich befinde mich mitten im Feindesland. Und ich kann es nicht fassen, was ich da lese. Ob Corona, Ukraine, EU, Migration oder Kultur – erneut wird mir klar: Die finden das wirklich. Die denken tatsächlich so.

Vor allem aber erschrecke ich deshalb, weil mir mein Ausflug ins Feindesland zeigt, wie sehr wir auch in der Schweiz bereits in zwei Welten leben. Zwei geistige Welten – unvereinbar - im gleichen Land. Was ich vor einem Jahr in der «Ostschweiz» als das «Ende des Miteinander» beschrieben habe, hat sich seit dem Ukraine-Konflikt weiter verschärft. Aus der Spaltung droht eine Trennung zu werden.

Schon seit längerer Zeit merke ich: Diskutieren ist sinnlos. Wenn mir ein Mensch gegenübersteht - ein möglicherweise sehr sympathischer Mensch - von dem ich indessen spüre, dass er schwarzweiss denkt, dass er nicht selber denkt, dass er nicht nach dem Sinn sucht, gebe ich auf. Ich wechsle das Thema. No politics. Ich frage ihn, wie es ihm geht. Ich suche nach Dingen, die wir gemeinsam haben. Das hilft. Aber ich spüre dennoch bei jedem Satz, dass ich mit angezogener Bremse rede. Ich bin auf der Lauer. Ich passe auf. Ich will uns nicht den Abend verderben. Und ich will keine Energie verschwenden. Sie ist mir zu kostbar.

Ob es uns gefällt oder nicht: Das ist die Situation. Und ich glaube, wir müssen lernen, damit zu leben. Zuversichtlich stimmt mich allein, dass wir viele sind auf unserer Seite. Und dass von der anderen Seite immer mehr Menschen herüberkommen. Zu uns. Weil das Leben ihnen die Augen öffnet.