Nicolas Lindt

Schriftsteller & Ritualgestalter

«Ich schreibe Bücher, erzähle Geschichten und gestalte Rituale im Namen der Liebe.»

Wald, 08. Dezember 2021   |   Bücher Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Vor vierzig Jahren

Nur tote Fische
schwimmen mit dem Strom

Porträts, Geschichten & Reportagen 
aus dem Jahr der „Bewegung“ 1980/81

Zürich war wie verwandelt. «Züri brännt!» Wochenende für Wochenende wurden die Geschäfte der Bahnhofstrasse aus Angst vor Zerstörung verrammelt. Obwohl die Polizei mit Grossaufgeboten bereitstand, kam es immer wieder zu neuen Demonstrationen. Nahezu 4000 Personen wurden verhaftet, 1000 Strafverfahren eröffnet. Beinahe ein ganzes Jahr lang befand sich die Stadt in einem permanenten Ausnahmezustand.
Sie entzündete sich im Mai 1980 nach einem 60-Millionenkredit für das Opernhaus. Sie war kreativ und radikal, forderte alles und forderte es sofort. »Tragt die Alpen ab – Freie Sicht aufs Mittelmeer!« Ihr Kampf konzentrierte sich auf ein Abbruchgebäude hinter dem Hauptbahnhof: das AJZ (Autonome Jugendzentrum). Es wurde nach Krawallen eröffnet und nach neuen Krawallen wieder geschlossen.

Jugendliche ebenso wie ehemalige 68er bekannten sich zur ›Bewegung‹. Nicolas Lindt war einer von ihnen. Als Mitbegründer der Zeitung ›Eisbrecher‹ befand er sich mittendrin im Geschehen. So entstand damals auch sein Buch ›Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom‹ – persönliche, in die Tiefe gehende Interviews mit Bewegten, die dem Geist der Revolte eine Sprache verliehen.

Vier Jahrzehnte danach erscheinen die erstaunlich aktuellen Porträts von 1980 in einer erweiterten Neuausgabe, zusammen mit Reportagen von Nicolas Lindt aus dem Jahr der ›Bewegung‹ und einem Gespräch des Autors mit einem der damals Interviewten über die Ereignisse von 1980 aus heutiger Sicht. Ein fesselndes Zeitdokument – und eine Inspiration für die jungen Bewegten von heute.
Aus der Verlagsmitteilung

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»Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom« sollte kein Buch über, sondern eines aus der Bewegung sein. In einer Reihe ausführlicher Interviews erzählten mir junge Frauen und Männer ihre persönliche Geschichte und was die Ereignisse in Zürich für sie bedeuteten. Sie redeten aber auch über ihre Kindheit, ihre Träume, ihre Sexualität und den Sinn des Lebens. Der Impuls der Bewegung erlaubte es ihnen, mit grosser Offenheit von sich selber zu sprechen.

Vier Jahrzehnte danach blicke ich auf das bewegte Jahr in Zürich zurück und erkenne von Neuem, wie aussergewöhnlich es war. Alle, die so wie ich aktiv dabei waren, würden mir dies bestätigen. Zusammen mit dem Verlag edition 8 entschied ich mich deshalb, die Porträts von damals neu aufzulegen, um den Geist der Bewegung noch einmal spürbar zu machen. Gleichzeitig vermitteln die Interviews auch, wie engagierte junge Leute aus Zürich vor 40 Jahren gedacht und gefühlt haben. Ihre Schilderungen sind nicht nur lebendig und inspirierend, son- dern auch von überraschender Aktualität.

Erweitert habe ich meine Rückschau mit Reportagen & Geschichten, die ich 1980 und 1981 veröffentlichte. Sie erscheinen hier erstmals in Buchform und widerspiegeln die Bewegung immer wieder aus einem anderen Blickwinkel. Das gilt auch für die Reportage »... dass du kämpfen musst«, für die ich damals nach Chur gereist bin. Vor dem Bündner Kantonsgericht fand dort der Schauprozess gegen Marco und René statt. Ihr Schicksal liess uns in Zürich nicht gleichgültig.

Was die Bewegung bewirkte, was ihr Impuls alles ausgelöst hat, kommt in einem Gespräch zum Ausdruck, das ich mit einem der Porträtierten von damals führte: »Wiederbegegnung mit Max – 40 Jahre danach«.

Wie ich selber die Bewegung erlebte und wie ich sie heute beurteile, schildere ich am Schluss des Buches in meinem Gedankengang »Das Jahr, als die Stadt uns gehörte«.

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Beim Titel des Buches »Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom« handelt es sich um ein chinesisches Sprichwort, das auch Mao Tse-tung in einem seiner Werke zitiert hat. Wie die meisten Sprichwörter ist es von zeitloser Bedeutung.

 

Das Bild zeigt das Ergebnis einer nächtlichen Farbaktion der "Bewegung" am Seilergraben beim Central. Die Farben blieben bis im Jahr 2000 unangetastet. Dann wurden sie von der Stadt entfernt.