Nicolas Lindt

Schriftsteller & Ritualgestalter

«Ich schreibe Bücher, erzähle Geschichten und gestalte Rituale im Namen der Liebe.»

Wald, 21. Juni 2024   |   Die Luftpost Aus Die Freien
Wald, 21.06.2024   |   Die Luftpost Aus Die Freien

Aus «Die Freien»

Die Wiederentdeckung
der Schweiz

Swissness auf allen Kanälen: Die Schweizerinnen und Schweizer entdecken ihr Land - weil sie spüren, dass es ihnen abhanden kommt

Mein Beitrag in "Die Freien" Nr. 3 / November 2022

Im letzten August haben zwei Schweizer Musiker etwas geschafft, was bisher nur Megarockstars aus dem Ausland gelungen ist: Die beiden Mundartrocker Gölä und Trauffer füllten das Zürcher Letzigrundstadion an zwei Abenden hintereinander bis fast auf den letzten Platz. 80’000 begeisterte Zuschauerinnen und Zuschauer aus der ganzen Schweiz feierten zweimal zwei Stunden lang unsere schweizerische Musikkultur, sangen aus vollen Kehlen Trauffers «Fräulein Marti» und Göläs «Schwan so wyss wiä Schnee» und verabschiedeten die Büetzer Buebe mit einem Applaus, der nicht enden wollte.

Sie applaudierten den Musikern, den Tänzerinnen und Tänzern, den Choreografen und all den andern, die mitgewirkt hatten - aber sie spendeten auch der Schweiz Applaus. Ihre Begeisterung galt auch der Eigenart unseres Landes, der Haltung: So machen wir es, und wir machen es gut. An diesen zwei Abenden waren 80’000 Menschen stolz auf die Schweiz. Und die Unzähligen, die so wie ich das Konzert später am Bildschirm sahen, waren es auch.

Nur eine Woche danach pilgerten 400’000 Menschen nach Pratteln an das vier Tage dauernde Eidgenössische Schwing- und Älpler­fest. Nie zuvor hatte der traditionelle Anlass so viele Besucher erlebt. Es war ein einziges, alle bisherigen Dimensionen sprengendes Volksfest, und es gab keinen einzigen grösseren Zwischenfall. Auch hier feierten die 400’000 nicht nur die Kämpfer im Sägemehl, sondern das eigentümlich Schweizerische dieses uralten Brauchtums. Wo sonst in einem kleinen Land kommen so viele Menschen zusammen, bloss um Männern zuzusehen, die sich an den Hosen zu Boden reissen oder einen 83 Kilogramm schweren Stein - den Unspunnenstein - so weit wie möglich von sich stossen?

Das sind nur zwei herausragende Superlative der letzten Monate für eine Entwicklung, die seit Jahren anhält und immer neuen Höhepunkten entgegentreibt: die unaufdringliche Begeisterung eines Volkes für die Sitten und Bräuche des eigenen Landes. In Scharen strömen die Schweizerinnen und Schweizer an die jährlichen Alpabzüge, wenn die Sennen im September mit ihren blumenbekränzten Kühen von den Bergen herunterkommen. Zu Tausenden schwärmen die Wanderfreudigen Wochenende für Wochenende in die Wandergebiete aus, besetzen die letzten Plätze in den Bergrestaurants und die letzten freien Betten in den Alpenclubhütten. Und wohin wir auch unsere Blicke wenden: auf Werbeplakaten, im Fernsehen, in den gedruckten Medien - überall wird die Pracht der Berge und Seen grossformatig und farbenfroh abgebildet, überall wird mit der Schweiz geworben, überall wird Reklame gemacht mit Bündner-, Glarner- und Walliserdeutsch, überall wird im Fondue gerührt, überall flattern und prangen Schweizerkreuze in Stadt und Land, vor bald jedem Haus, überall tönen die Glocken der Trychler, die Alphörner und die Juchzer, überall seufzen Schweizerinnen und Schweizer, dass es daheim doch am schönsten sei – und überall hört man Landsleute tatsächlich sagen, dass unser Land das schönste Land auf der Welt sei.

Sind wir nicht für unser Understatement bekannt? Davon ist nichts mehr zu spüren, wenn die Schweizer ins Schwärmen kommen. Wir sind keine Hurrapatrioten, das waren wir nie, doch wir sind verliebt in die Schweiz. Gab es die Freude am Brauchtum, die Schweizerfahnen und Postkartenbilder nicht immer schon? Es gab sie seit jeher, doch in den letzten Jahren hat die Swissness ein Ausmass erreicht, die uns aufhorchen lassen muss.

*
Vor dreissig Jahren, als die Mauern im Osten gefallen waren und die Welt so offen und friedlich wie nie schien - da stand die Liebe zum eigenen Land nicht so hoch im Kurs. Da konnte es die staatlich besoldete, linke Kulturmafia sogar wagen, den Schweizer Pavillon an der Weltausstellung 1992 in Sevilla mit dem Spruch zu bekränzen: «La Suisse n’existe pas». Die bürgerliche Empörung hielt sich in Grenzen, während die Schweizmüdigkeit der Intellektuellen als chic und originell galt.

Doch die Zeiten änderten sich. Je globalisierter und uniformierter die Welt sich entwickelte, je mehr Englisch auch in Schweizer Büroetagen Gepflogenheit wurde, je mehr MBA’s, Content Marketing Managers und Human Resources Directors die Stellenofferten bevölkerten, je mehr europäische Normen, Module, Gesetze unsere eigenen, organisch gewachsenen Regeln ersetzten, je mehr Hochdeutsch auf allen Kanälen die Mundart verdrängte, je mehr Migranten ins Land hinein strömten, je mehr fremde Gesichter und Dialekte unser Alltagsbild prägten - im Tram, in der Migros, am Elternabend, im Krankenhaus –, und je mehr unsere Politiker und unsere Medien nur noch stereotyp wiederholten, dass unser Land keine Wahl habe, dass wir uns anpassen, unser Inseldasein aufgeben müssten: Um so stärker wurde die Sehnsucht grosser Teile des Volkes – ganz unpolitisch und unbewusst – nach dem Spirit der Schweiz, ihrer Eigenart, ihrem Eigensinn.

Corona hat diesen Trend in ungeahnter Weise verstärkt. Während der letzten zwei Jahre haben die Bürgerinnen und Bürger erlebt, wie sich die politische Schweiz dem globalen Corona-Regime willenlos fügte. Und sie erleben auch jetzt wieder, wie sich der Staat dem westlichen moralischen Druck unterwirft, wie hemmungslos er die Tradition der Neutralität verschmäht und das Powergame gegen Russland kriecherisch unterstützt.

Diesen Verrat am eigenen Land spüren die Menschen. Sie spüren ihn unterschwellig. Und er vergrössert ihre Verunsicherung, ihre Befürchtung, das vertraute und sichere Schweizer Zuhause verlieren zu müssen. Je mehr der Staat unsere Unabhängigkeit Stück für Stück preisgibt, umso mehr flüchten sich deshalb breite Bevölkerungsschichten in eine Liebe zur Heimat, die patriotisch ist, ohne es sein zu wollen. Es ist ihre Art, die Schweiz zu verteidigen.

Diese unverkrampfte, erfrischende Heimatliebe, diese Freude am Schweizerischen ist die eigentliche und entscheidende Kraft hinter der Freiheitsbewegung der letzten zwei Jahre. Die Bewegung wird weiter wachsen, je mehr die regierende, elitäre Schweiz die Schweiz der Herzen mit Füssen tritt – je mehr der Staat willens ist, unser Land in die schöne neue transatlantische Welt der Geimpften und Heimatlosen zu treiben.

Ich bin zuversichtlich. Mehr denn je glaube ich, dass wir in der Schweiz eine Aufgabe haben. Die Wiederentdeckung des Eigenen. Die Liebe zum Eigenen. Darin könnten wir Beispiel sein, als unabhängiges, freies Volk. Und wer eine Aufgabe hat, dem hilft das Leben.