Liebe Leserin, lieber Leser
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Inzwischen fuhren wir durch das Dorf, und bei der Post, am Fussgängerstreifen stand ein junges Paar, das die Absicht hatte, die Strasse zu überqueren. Julia bremste und winkte dem Paar, aber die beiden wollten gar nicht über die Strasse. Sie wandten sich einander zu, und sie küssten sich. Während Julia kommentarlos den Gang wechselte und wieder beschleunigte, benützte ich die Gelegenheit:
„Hast du gesehen – sie küssten sich! Wir küssen uns nicht.“
„Ich habe gar keine Lust, dich zu küssen“, erwiderte Julia, den Blick betont auf die Fahrbahn gerichtet.
„Warum nicht?“
„Weil du mir vorkommst wie eine Fata Morgana. Sobald man näher kommt, ist nichts mehr da.“
„Ich bin zwar keine Fata Morgana“, erwiderte ich, „aber du gibst damit zu, dass du mich noch liebst. Denn zu einer Fata Morgana fühlt man sich hingezogen, so ist es doch?“
Julia wollte nichts zugeben.
„Sag, dass du mich immer noch liebst“, insistierte ich bettelnd.
„Nein, das sage ich nicht“, erwiderte Julia.
„Also liebst du mich nicht mehr?“
„Das habe ich auch nicht gesagt.“
„Also liebst du mich noch. Ist es so?“
Julia liess sich nichts anmerken. Nicht einmal ein Lächeln bekam ich als Antwort. Sie blickte geradeaus und achtete auf den Verkehr – während ich mir überlegte, welche Gefühle sie zu mir wirklich hatte. Eine halbe Sache kam für sie nicht in Frage, das wusste ich. Ihre Gefühle gab sie nicht mit dem Messlöffel ab. Julia liebte ganz oder gar nicht. Wenn sie mich gar nicht mehr lieben würde, sinnierte ich, würde sie anders reden. Dann würde sie vielleicht nicht mehr reden. Sie würde verstummen. Ich merkte plötzlich, wie erleichtert ich war. Wenn Julia noch mit mir sprach, dann war sie auch bereit, mich wieder zu küssen.
Wir befanden uns jetzt am Ende des Dorfes und passierten die Tankstelle, deren gelb-orange Leuchtumrandung aus der Dunkelheit strahlte wie ein amerikanischer Traum. Die Tankstelle war das neue Wahrzeichen des Dorfes, zumindest bei Nacht, sie verwandelte unsere kleine alpenländische Welt in den Schauplatz eines nächtlichen Roadmovies. An ihr vorbeizufahren, weckte gute Gefühle, besonders an diesem Abend, denn ich wusste: Amerikanische Filme nehmen meistens ein gutes Ende.
Nur die Filmmusik fehlte noch, und ich drehte am Radio und stiess auf die Stimme Lou Reeds. Das Stück hiess Walk on the wild side. Es versetzte mich schon nach den ersten Takten in eine Stimmung, die keine Sorgen und keine Eheprobleme kannte.
Die Schlucht begann, die unser Dorf vom Rest der Welt trennte, und Lou Reed schlug uns vor, auf die wilde Seite des Lebens zu wechseln. Genau das wollte ich endlich tun. Es schien mir plötzlich ganz leicht.
Aus "Der Tag, an dem ich beschloss, mich zu ändern"
Ein Bergbauer sucht eine Frau
Der häufigste Besucher bei Fridolin Stüssi ist der Briefträger. Zufällig kommt hier niemand vorbei, denn das Heimet des Bauern liegt abseits der Wanderwege, in der hintersten Ecke des Ferienorts. Dass der 42jährige, noch immer ledige Stüssi eine Frau suchte und dass er es auch mit Kontaktanzeigen versuchte, war bekannt im Dorf, jeder wusste es. Als ich dem Bauern wieder einmal begegnete, fragte ich ihn selber. Ob er bereit wäre, mir seine Geschichte zu erzählen?
Aus dem Buch "Aus heiterem Himmel"
Inhalt:
Der Blitzschlag
Die Linde von Linn
Die Härte eines Bauern
Der Waldmensch
Der Sinn des Lebens
Der Zettel im Briefkasten
Küssen müssen
Der Pferdefuss
Bei sich selbst
Die Bedrohung
Das Geheimnis des Lehrerzimmers
Der Halt
Den Kronleuchter schaudert's
Zeit der Stille
Aus heiterem Himmel
Die Augen der venezianischen Masken
Die Frau von der Venus
Wieder folgte ein solcher Abend.
Unter den Spielern am Tisch, dem Prinzen direkt gegenüber, sass der Zocker, der vielleicht so alt wie sein Vater war. Der Mann wirkte souverän und erfahren, gewohnt zu gewinnen, gewohnt auch, gelegentlich einzustecken. Ohne Eifer, ohne Hast legte er Karte um Karte. Milan beobachtete ihn, wie er ausspielen wollte, wie er zögerte und eine andere Karte heraussuchte. Er machte das alles ganz konzentriert, ohne aufzuschauen, wie ein Handwerker, der in seine Arbeit vertieft ist. Im Aschenbecher glimmte die Zigarette, der Café Creme stand unberührt auf dem Tisch: Eine Viertelstunde verging, ehe der Spieler den ersten Schluck zu sich nahm.
Milan dagegen konnte sich kaum gedulden, bis die Reihe wieder an ihm war. Die Karten brannten in seiner Hand. Während des ganzen Spiels rauchte er schnell und fast pausenlos, dazu trank er Weisswein, ein Glas nach dem anderen. Der Routinier am Tisch liess ihm keine Ruhe, er wollte ihn unbedingt in die Enge treiben. Auch wenn er dabei alles riskierte.
«Einer wie du, der nur auf Risiko spielt und keine Defensive kennt, aus dem wird nie ein grosser Zocker», hatte Rolf, der Kollege, einmal gespottet.
«Wenn man auf Risiko geht», hatte Milan selbstsicher geantwortet, «dann holt man auch mehr. Am Schluss zahlt es sich aus.»
Doch so ruhig, wie sein Gegner gespielt hatte - so ruhig kassierte der Mann am Ende des Spiels. In der Miene des Zockers war nicht das geringste Triumphgefühl zu erkennen, als er die Noten in seine Brieftasche schob. Der Prinz hatte keine Chance gehabt.
Es war schon spät, bald Mitternacht. Spätestens um acht Uhr bin ich zu Hause, hatte er zu Corinne gesagt. Nun hatte er nicht einmal angerufen. In seiner Brieftasche war bloss noch Kleingeld, der Wirt musste ihm alles auf Rechnung nehmen: Einmal Mittagessen, dreimal Cafe Creme, 21 Gläser Fendant. Er trank den Wein schon wie Wasser, das wusste er."
Aus "Der Spieler von Zürich"
Orwells Einsamkeit
Schottland im Winter – ein Winter der milden Sorte, weder Eis noch Schnee im Land. Aber es fängt an zu regnen, und der Wind bläst hart, als ich unten an der Pier ankomme, er zupft und zaust mich, wirft mir die Regentropfen ins Gesicht.
Port Askaig auf der Insel Islay ist ein verlorenes Nest. Ein Bootshafen, ein Hafenhotel, eine Bar, ein paar Häuser. Der Ort liegt an einer Meerenge. Gegenüber ist ein verschwommener dunkler Streifen Land zu erkennen: Das muss Jura sein! Ein grauschwarzer Himmel liegt über Jura – und davor, einer unüberwindbaren Grenze gleich, schäumt die unruhige See. Hohe Wellen klatschen gegen die Hafenmauer, die Fähre bäumt sich auf wie ein scheu gewordenes Pferd.
„No boat today“, sagt der Fährmann. Das Boot schaffe es nicht bei diesem Seegang. Drüben auf Jura könne man nur bei ruhiger See anlegen. „We’ll try tomorrow“, beschliesst der Mann.
Damit müsse man hier rechnen, sagt ein junger Typ zu mir, der mit einem Motorrad nach Jura hinüber will. Er heisst Roddy, und er will wissen, was mich hierher verschlägt in dieser Jahreszeit. Als ich Orwell erwähne - George Orwell, Autor des Buches „1984“ -, weiss Roddy Bescheid. Er wohne ganz in der Nähe von Orwells Haus, fünf Meilen südlich.
Du bist nicht der erste, der das Haus sehen will, sagt Roddy, es waren scgar schon Japaner da.
Das hätte er mir besser nicht erzählt. Aber dann schaue ich wieder in die Meerenge hinaus, sehe hinter Regenschleiern die dunklen Umrisse der Insel und finde Jura doch eine Reise wert. Wer weiss, was mich dort erwartet.
Aus "Die Befreiung - mein Weg zu einem persönlichen Denken"
Heimatort: Küsnacht
Das erste Bild, das ich sehe, zeigt eine steile, steile Strasse. Ich bin klein, und die Strasse erhebt sich vor mir wie der Aufstieg zu einem mächtigen Berg. Immer wieder halte ich inne und schaue bergan: Weit oben hinter der Kurve ist die steile Strasse zu Ende, doch der Weg bis dort ist so weit!
Mit meiner Hand streiche ich der Mauer entlang, die neben dem Trottoir verläuft, ich fahre mit den Fingerspitzen über die rauhe Fläche, über kleine Vorsprünge, Löcher und Ritzen, über moosige Flecken, die mir vorkommen wie bewaldete kleine Inseln in einem Meer aus Stein. Ich kenne jede Spalte, jeden Riss in der Mauer, bin schon hundertmal an ihr vorbeigestrichen wie eine unentschlossene Katze.
Die verwitterte Mauer kommt mir immer zuerst in den Sinn. Und die Mühsal des unendlich langen Heimwegs vom Dorf nach Hause zurück, in der Hand das Einkaufsnetz, im Sommer das Badezeug. In meiner Erinnerung sind alle Strassen in meinem Heimatort steil. Wenn ich aber denselben Weg heute gehe, verharre ich unterwegs kein einziges Mal – schon bin ich oben. Die Mauer am Steig ist noch da, gewiss, die Furchen und Risse aus meiner Kindheit erkenne ich alle wieder. Aber die Mauer ist nur noch ein Mäuerchen – und so geht es mir mit dem ganzen Dorf.
Aus "Die Freiheit der Sternenberger"
Der Kampf mit dem Christbaum
Wenn ich an Weihnachten denke, fällt mir als erstes mein Vater ein, der verzweifelt versuchte, den Christbaum in die Christbaumvase zu bringen. Ich könnte natürlich das Glöckchen erwähnen, das meine Grossmutter jeweils erklingen liess, wenn es endlich soweit war, das würde sich als Weihnachtserinnerung besser eignen. Doch das Christbaumritual meines Vaters, das sich Jahr für Jahr wiederholte, ist das stärkere Bild.
Am Anfang stand das Problem, wie der Stamm in die Vase hineinkam, denn die untersten Äste des Baumes erwiesen sich regelmässig als Hindernis. Steckte das Tännchen dann endlich drin, stand es natürlich schief. Unter Zuhilfenahme von Wörtern, die hier nicht genannt werden sollen, versuchte mein Vater, den schiefen Baum geradezukriegen - mit dem Erfolg, dass derselbe von der einen auf die andere Seite zu kippen drohte.
Einmal, als er schon mit Kugeln und Kerzen behängt war, kippte er ganz; sonst aber schwankte er nur, und irgendwann stand er dann doch gerade. Und davor stand mein Vater und hatte von den Festtagen schon die Nase voll, bevor sie begonnen hatte.
Aus "Captain Cook oder die Schule des Lebens"
Inhalt
Captain Cook
Ein Mann hat keine Angst
Eine Aktie zum zwölften Geburtstag
Ärzte werden nie krank
Zweiundzwanzig liebeshungrige Jünglinge
Die Ungerechitgkeit der Welt in der ersten Halbzeit
Der Kampf mit dem Christbaum
Über die Berge nach Hause wandern und die Erfahrung machen, wie weit es ist, so zu Fuss, wollte ich schon lange einmal. Und ich wusste, ich wollte es nicht nur für mich, ich wünschte es mir auch als Vater.
Es war der Wunsch nach dem guten Gefühl eines Vaters, mit seinem Sohn endlich einmal etwas Richtiges zu beginnen. Die Zeit drängt. Julian reicht mir schon bis zu den Schultern, seine Stimme nähert sich bedrohlich tieferen Lagen, und er ist nicht immer ganz meiner Meinung.
Sobald wir aber zu zweit unterwegs sind, wissen wir wieder, wie gut wir uns tun. Wie unzertrennlich werden wir erst nach 5 Tagen sein!
Aus "Wie mein Sohn und ich die Berge bezwangen"
"Manches in der Gegenwart wäre besser verständlich, würde man seine Geschichte kennen. Als ich vor drei Jahren ins Selnau zog, verschwendete ich keinen Gedanken daran, wie es hier früher ausgesehen haben könnte. Ich ging durchs Quartier, ohne mir je zu überlegen, dass der Asphalt, auf dem ich ging, nicht der Erdboden ist.
*
Die Zeit, als im Selnau über dem Erdboden nichts als der Himmel stand, liegt weit zurück. Es war im 13. Jahrhundert. Fromme Schwestern aus der Innerschweiz bekamen am Stadtrand von Zürich - im Selnaugebiet - einen Acker und einen Weinberg geschenkt, um daselbst ein Kloster errichten zu lassen. Die Nonnen bekannten sich zum Zisterzienserorden. Die Stätte ihre Wirkens erhielt den Namen Seldenowe: Eine Herberge - eine Selde - auf einer Au.
An der Gerechtigkeitsgasse 5, gerade dort, wo früher ein Frauenkloster stand, ist das Wohnheim für alleinstehende Männer. Etwa 50 mehrheitlich ältere Männer wohnen hier. Sie alle zusammen, mit den Betreuern, bilden die "Familie". Für die Familienmitglieder gelten strenge Hausregeln. Auch Damenbesuche sind nicht gestattet.
"Zugegeben, wir leben ziemlich klosterähnlich hier", sagt der Betreuer mit Blick auf die Urkunde an der Wand, welche bezeugt, dass hier einst ein Kloster war. Draussen auf der Strasse, direkt vor dem Männerheinm, stehen des Nachts gelegentlich Dirnen und bieten ihre Dienste an. Es sind die verlorenen Seelen der Klosterfrauen, die noch immer keine Ruhe finden."
Aus "Der Asphalti ist nicht die Erde"
...Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich spreche hier nicht als fahnenschwenkender Patriot, sondern als Mensch, der sich fragt, was das Wesentliche des Schweizerseins ist. Das Wesentliche ist der Freiheitsgedanke - und das bringt uns wieder zu Wilhelm Tell.
Ihm ist es schlecht ergangen in den letzten Jahrzehnten. Man hat ihn als Helden und Vorbild nicht mehr benötigt. Historisch entlarvt hat man ihn - und dabei nüchtern erkannt: Wahrscheinlich hat er gar nie gelebt. Tell, so lautet der aktuelle Stand der Forschung, ist ein Gebilde der Phantasie.
Armselige Zeit, die nur solche Massstäbe kennt. Kommt es darauf an, ob Tell tatsächlich gelebt hat? Kommt es darauf an für die Griechen, ob Odysseus gelebt hat?"
Aus "Wilhelm Tell für Fortgeschrittene"