Nicolas Lindt

Schriftsteller & Ritualgestalter

«Ich schreibe Bücher, erzähle Geschichten und gestalte Rituale im Namen der Liebe.»

Wald, 15. Dezember 2017   |   Trauung Vom Sinn des Heiratens
Wald, 15.12.2017   |   Trauung Vom Sinn des Heiratens

Vom Sinn des Heiratens

Ein seltsames Gefühl von Vertrautheit

Von Nicolas Lindt

Editorial einer Beilage zum Thema "Liebe" im Tages-Anzeiger


Als ich vor ein paar Wochen durch die Messehalle in Zürich-Oerlikon schlenderte, hatte ich nicht den Eindruck, dass wir in einer gefühlskalten Welt leben. Die Hochzeitsmesse fand statt, und geworben wurde mit grossem Aufwand für Hochzeitskleider, Hochzeitsringe, Hochzeits-locations, Fotos, Frisuren, Musik und tausend andere schöne Dinge rund um den schönsten Tag.

Doch dies alles hätte niemanden interessiert, wenn es nicht - um die Liebe gegangen wäre. Die Liebe war es, welche die Paare scharenweise nach Oerlikon pilgern liess. Die Liebe ist es, die Legionen von Männern Jahr für Jahr am 14. Februar in die Blumengeschäfte treibt. Die Liebe ist es, die uns verleitet, Moonlightdinner, Turmsuiten, Romantikweekends und Wohlfühltage zu buchen und dabei keine Kosten zu scheuen. Die Liebe ist es, die uns in trauter Zweisamkeit schneeschuhlaufen, den Kilimandscharo besteigen, um den Greifensee joggen, durch die kanadische Wildnis trekken und mit hawaiianischen Delfinen unter Wasser Ballett tanzen lässt.

Die Liebe ist es, für die wir uns auf dem Handy die Finger wund schreiben. Die Liebe ist es, die uns zahllose Autobahnkilometer zumutet, nur damit wir am Wochenende den Menschen sehen können, mit dem zusammen wir nicht allein sind. Die Liebe ist es, die uns im Internet surfen lässt, bis wir den Partner gefunden haben, der uns zu 100 % entspricht – und die Liebe ist es, die uns Salsatanzkurse, Singletreffs und Summerbeachparties aufsuchen lässt, in der Hoffnung, den Ort des Geschehens nicht allein, sondern Hand in Hand zu verlassen.

Die Liebe lässt uns die dümmsten und verrücktesten Dinge tun. Warum besuchte ich damals mit 17 ein christlich geführtes Skilager, obwohl ich ein Jahr vorher aus der Kirche ausgetreten war? Wegen der Liebe. Und warum ging ich mit meiner ersten Freundin zu ihren Eltern, damit sie mich kennenlernten, obwohl ihr Vater sich eine bessere Partie für seine Tochter wünschte als mich?

Wegen der Liebe.

Der wahre Grund ist immer die Liebe. Selbst die Damen im Rotlicht erleben, dass ihre Kunden zwar Sex verlangen, aber eigentlich, im Grunde ihres männlichen Herzens Liebe suchen.

Warum gibt es heute soviele Singles? Ich spreche von überzeugten Singles, von jenen, die es vielleicht schon seit Jahren sind. Die meisten von ihnen würden durchaus einen Partner finden. Warum wollen sie nicht? Singles sind Menschen, die an ihren Liebesidealen scheitern. Sie tragen in sich die Vorstellung einer Partnerschaft, die sie im täglichen Leben nicht finden. Sie haben gesucht, sie haben zu finden geglaubt – und wurden enttäuscht. Ihre wachsende Zahl zeigt, wie gross die Erwartungen sind, die wir an die Liebe haben.

Diese Frauen und Männer, die am Ende lieber allein sind - was wollten sie von der Liebe? Sie wollten die Liebe ganz. Sie wünschten sich eine Liebe, die nicht nur leidenschaftlich und sinnlich ist, nicht nur praktisch und angenehm, nicht nur kultiviert und modern, sondern mehr als das. Sie wünschten sich eine Liebe, die zugleich eine tiefempfundene Seelenverwandtschaft ist, eine Freundschaft im Herzen.

Für viele der Paare, die ich traue, ist dies keine romantische Illusion, sondern eine Erfahrung, die sie alle ähnlich erleben. Sie lernen sich kennen und spüren schon beim ersten Zusammensein eine seltsame Vertrautheit. Eine Vertrautheit, die eigentlich, nach so kurzer Zeit gar nicht sein kann! Dennoch sagen sie alle:

Es kam uns so vor, als würden wir uns schon lange kennen.

Liebe auf den ersten Blick ist es selten. Die Liebe kommt später, sie wächst aus dieser Vertrautheit heraus, die beide empfinden. Viele Wochen, Monate lang sind diese Paare wie Freunde, verbringen die Freizeit zusammen und erzählen sich alles. Während ihr Freundeskreis längst erkennt, dass die beiden ein Paar sind, wollen sie selber es oft noch nicht wahrhaben. Sie fühlen die Liebe, scheuen sich aber davor, sie erwachen zu lassen, aus Angst, ihre Freundschaft dadurch zu gefährden. Wenn dann die Zeit endlich reif ist, kommt es zu einer behutsamen Annäherung. Dem ersten, erlösenden Kuss folgt selten die erste Liebesnacht. Man hat es nicht eilig. Man hat ein Leben lang Zeit. Die Gewissheit, sich endlich gefunden zu haben, ist in diesem Moment das höchste aller Gefühle.

Natürlich gibt es andere Wege, sich näherzukommen. Ein junger Mann klingelte an der Tür seines Mannschaftskollegen, um ihn zum Fussballspiel abzuholen. Als die Tür aufging, stand nicht die Freundin des Kollegen vor ihm, sondern eine Bekannte der Freundin. Der Fussballspieler sah diese Frau, und es durchfuhr ihn wie ein Blitz: Das ist sie. Das ist die Frau, die ich gesucht habe.

Auch er spürte buchstäblich im ersten Moment: Mit diesem Menschen verbindet mich etwas. Nach einiger Zeit empfand sie dasselbe. Auch sie erlebte dieses Gefühl von Vertrautheit mit ihm, das sie mit anderen Männern nie auch nur andeutungsweise empfunden hatte.

Es gibt sie vielleicht also doch, die grosse Liebe. Keines der Paare, die ich getraut habe, nahm sich vor, nur eine Lebensabschnittsehe schliessen zu wollen. Kein einziges! Obwohl das die logische Konsequenz wäre, in einer Zeit, in der bald jede zweite Ehe geschieden wird. Man möchte die Liebe nicht in Portionen. Man möchte sie nicht mit Rückgaberecht. Mit ein bisschen Glück und mit offenem Herzen findet man sie.

Meistens gerade dann, wenn man nicht mit ihr rechnet.