Nicolas Lindt

Schriftsteller & Ritualgestalter

«Ich schreibe Bücher, erzähle Geschichten und gestalte Rituale im Namen der Liebe.»

Wald, 28. Juni 2017   |   Abschied Wie sollen wir Abschied nehmen?

Gedanken in schwerer Stunde

Eine Reise durchs Leben
– bis an sein Ende

Liebe Angehörige

Vielleicht lesen Sie diese Zeilen in grossem Schmerz – vielleicht aber auch schon vorher, wenn Sie spüren, dass ein von Ihnen geliebtes Leben bald zu Ende geht. So oder so möchte ich Ihnen sagen, dass es mir leid tut um den Menschen, den Sie loslassen müssen.

Sie wünschen sich einen Abschied in feierlicher Form, die den Verstorbenen - oder bald Sterbenden - ehrt und seinem Wesen gerecht wird. Und Sie denken, dass eine kirchliche Feier nicht das Richtige wäre, weil auch der Verstorbene dies nicht gewollt hätte.  

Eine wichtige Frage vorweg: Soll die Abdankung vor allem von tröstlichen Worten und Ritualen geprägt sein? Dann empfehle ich Ihnen doch eher eine kirchliche Feier. Soll aber der Mensch, den Sie verloren haben, im Vordergrund stehen – dann bin ich vielleicht der Richtige. Meine Abschiedsfeiern sind Reisen. Ich reise durch das Leben des Menschen, ich erzähle von seiner Kindheit, ich frage danach, was er im Leben wollte – was er vielleicht wirklich wollte -, und ich spreche ganz zu Beginn auch von den Umständen seines Todes.

Warum finde ich wichtig, auszusprechen, wie ein Leben geendet hat? Ich tue es einerseits deshalb, weil die anwesenden Freunde und Bekannten wissen dürfen, was geschehen ist. Vielleicht war die Verstorbene eine enge Freundin aus früheren Jahren. Eine Weile hat man sie nicht mehr gesehen – und plötzlich liest man die Todesanzeige. Ist der Wunsch, mehr zu erfahren, nicht legitim?

Vor allem aber möchte ich Ihnen, liebe Angehörige die Möglichkeit geben, die letzte gemeinsame Zeit und die letzten Tage und Stunden noch einmal ganz bewusst zu betrachten. Denn oft erlebt man mit einem nahestehenden Menschen zuletzt – möglicherweise wie nie zuvor - starke, berührende Augenblicke, die man als tröstende Bilder im Herzen behält.

*

An einer Abschiedsfeier, wie ich sie gestalte, soll man aber auch lächeln und sogar lachen dürfen. Denn so traurig oder so tragisch ein Mensch auch gestorben sein mag – vergessen wir nicht die heiteren und die schönen Zeiten, die Highlights, die lustigen und die typischen Episoden: Sie alle gehören dazu, sie alle sind Teil meiner Reise durch das Leben des Menschen, um den Sie trauern. 

Eine Abschiedsfeier soll uns befreien. Sie soll uns, wenn wir den Ort der Feier verlassen, wieder frei atmen lassen – weil alles gesagt ist. Erlösung finden soll aber auch der Verstorbene selbst. Lassen wir ihn seinen Weg gehen, ohne ihn festzuhalten. Wünschen wir ihm Glück.

Dasselbe Glück, das er auch uns gönnt.